Gestern bin ich auf Bali angekommen. Es geht hier um Punkt 9 meiner Löffelliste: Surfen Lernen. Ich habe noch nie auf einem Surfbrett gestanden, noch nicht mal darauf gepaddelt und ich habe auch noch nicht länger mit jemandem gesprochen, der das Eine oder Andere schon gemacht hat. Stattdessen habe ich Anfang des Jahres einfach den Flug nach Bali gebucht und gestern ging es an den Strand. 

Doch keineswegs sofort zum Surfen. Gestern Mittag bin ich auf Bali gelandet und nach dem ich von ca. 15 Stunden Flug nur zwei Stunden geschlafen habe, musste ich mich im Guesthouse erst einmal hinlegen. Doch frei nach dem Motto “There ain’t no rest for the wicked.” habe ich mich nach zwei Stunden wieder aufgerafft, um am Strand einen Surflehrer für heute aufzutreiben. 

Eigentlich hätte ich bereits vor Wochen im Internet recherchiert, was die beste Surfschule auf Bali ist. Ich hätte sicher auch mehr als einen kurzen Gedanken daran verschwendet, ob nun Canggu für Einsteiger geeignet ist. Sicher hätte ich auch einmal quer gelesen, was man beim Surfen als Einsteiger so wissen sollte, was es zu beachten oder vorzubereiten gibt. In den letzten Wochen habe ich auch darüber nachgedacht, dass ein bisschen Sport zur Vorbereitung vielleicht nicht schlecht gewesen wäre. Doch all das habe ich dieses Mal nicht gemacht. 

Das schreibe ich euch bewusst heute Morgen, vor meiner ersten Surfstunde. Wer weiß, ob ich mich heute Abend nicht für meine Naivität und Torheit schämen würde und die Geschichte anders erzähle. Doch ich habe mich bewusst für eine blauäugige Aktion entschieden.

Warum?

Ein bisschen weniger Perfektionismus würde mir ganz guttun, habe ich gedacht.

Und warum überhaupt Surfen lernen?

Es ist schon länger her, dass ich das letzte Mal etwas von meiner Löffelliste angegangen bin. Letztes Mal ging es um Dankbarkeit. Vielleicht erinnert ihr euch noch daran, dass ich mir – und euch – jedes Mal zu dem Punkt, den ich in diesem Projekt Zwölf Dinge angehe, ein paar Fragen beantworten möchte. So auch heute. 

Warum will ich mir diesen Wunsch erfüllen? 

Schon als Kind war ich das, was man bei uns eine Wasserratte nennt. In einer Stadt am Fluss mit mehreren Stränden aufgewachsen war ich schon in der Jugend jeden Sommertag nach der Schule im Wasser. Sei es nun am Strand vor Ort, auf der gegenüberliegenden Insel oder im Freibad um die Ecke. Für meine Freunde und mich war das so selbstverständlich, dass mir erst Jahre später – als ich Menschen kennenlernte, die nicht am Wasser groß geworden sind – bemerkte, welche Bedeutung die Nähe zum Wasser für mich hat. 

2011 habe ich meinen Tauchschein gemacht und seit dem geht es in jedem Jahresurlaub ans und ins Meer. Irgendwann kam mir dann die Idee, dass vielleicht auch andere Wassersportarten etwas für mich sein könnten und so landete dann das “Surfen lernen” auf meiner Löffelliste.

Welches Erlebnis und welche Erfahrung verspreche ich mir davon?

Kiten, Segeln, Rudern… Es hätte viele alternative Wassersportarten gegeben. Also warum ausgerechnet Surfen mit dem Board? Surfen strahlt für mich eine Eleganz aus. Als ich gestern am Strand saß und den anderen zugesehen habe, merkte ich, dass ich das Wellenreiten mit dem Tanzen in Verbindung bringe. Ich stelle mir vor, dass man ein gewisses Gefühl für das Wasser und die Wellen braucht. Ähnlich wie das Rhythmus-Gefühl beim Tanzen. 

Wenn einem das gelingt, muss das ein unglaublich berauschendes Erlebnis sein. Und wenn man stattdessen ins Wasser fällt? Es gibt doch nichts Schöneres als herzlich über sich selbst zu lachen, sich wieder aufzurappeln und es noch einmal zu versuchen. Denke ich jetzt. Fragt mich heute Abend noch mal. 🙂 

Was will ich dadurch lernen?

Die meisten Menschen haben bestimmte Glaubenssätze tief in sich verankert. Bei mir lautet einer “Ich bin unsportlich.”. Dieser Glaube ist wohl in erster Linie meinen Erfahrungen aus der Schulzeit zu verdanken. Ich bin mit Sprüchen groß geworden, wie “Mädchen können nicht fangen.” und “Mädchen können nicht werfen.”. Stellt euch vor: Wenn man das nur oft genug hört, glaubt man das irgendwann. Und natürlich ist jemand, der so etwas von sich gibt auch nicht derjenige, der am Wochenende mit einem – wie er es vielleicht mit einem Sohn getan hätte? – fangen übt. Ich bin nicht böse und vermisse das auch nicht. Trotzdem hat es dazu geführt, dass ich im Schulsport in fast alles Disziplinen versagt habe. Ich wurde grundsätzlich als Letzte in die Mannschaft gewählt und habe mich mit durchschnittlichen Noten zufriedengegeben. 

So habe ich gelernt, dass ich unsportlich bin. 

Schwachsinn, wenn ich heute bedenke, dass ich früh angefangen habe zu tanzen, mehrmals die Woche zum Training ging, zu Hause geübt habe und an Wochenenden sogar öffentliche Auftritte in anderen Städten hatte. Trotzdem habe ich mich selbst als unsportlich angesehen. Ich kann mir das nur dadurch erklären, dass ich Tanzen nicht als Sport angesehen habe. 

Wie ihr vielleicht wisst, habe ich dazu heute eine andere Einstellung: Wenn Schach ein Sport ist, dann ist auch Gaming ein Sport.

Nichtsdestotrotz möchte ich mir selbst gerne beweisen, dass ich auch in anderen Sportarten erfolgreich sein kann. Ich möchte durch das Surfen also etwas verlernen, Gegenbeweise sammeln und den alten Glaubenssatz ablegen.

Außerdem möchte ich andere Menschen kennenlernen. Ich habe Schwierigkeiten, neue Kontakte zu knüpfen, vor allem in größeren Gruppen. Die Idee etwas Neues zu lernen und mich mit anderen abends im Beachclub dazu auszutauschen erschien mir deshalb reizvoll.

Wieso ist das wichtig für meine Vorstellung von einem erfüllten Leben?

Sport gehört für mich zu einer gesunden Lebensweise dazu. Ich bin davon überzeugt, dass man seltener krank wird, wenn man regelmäßig Sport macht. Das trifft natürlich nicht zu, wenn ich einmal im Jahr zum Surfen in den Urlaub fahre. Wenn ich jedoch den erwähnten Glaubenssatz ablege und dadurch Sport allgemein zu einem Teil meines Lebens machen kann, dann sicherlich. 

Mit Sport verbinde ich zudem Stärke, Mut, Leidenschaft und Spaß. Ebenfalls alles Dinge, die ich gerne in meinem Leben hätte und in mir selbst spüren möchte.

Zugang zu anderen Menschen zu finden ist für mich ebenfalls wichtig. Ich bin ein sozialer Mensch und spüre immer wieder den Schmerz, wenn ich mich nicht traue, auf andere zuzugehen und dadurch den Kontakt zu meinen Mitmenschen verpasse. 

Wie man einen Surflehrer findet und was ich gestern schon lernen durfte

Nachdem ich gestern auf Bali angekommen bin, habe ich mich zum ersten Mal damit auseinandergesetzt, wo und wie ich Surfen lernen kann. Das habe ich bis Dato nicht als Herausforderung gesehen, denn im Netz gibt es jede Menge Erfahrungsberichte. Kurzerhand habe ich mir auf Tripadvisor ein paar Surfschulen angesehen und mich für eine entschieden. Schnell noch die Offline-Karte für Bali heruntergeladen und dann auf zu der Adresse. 

Doch an dem angegebenen Ort war keine Surfschule. Ich bin den Strand zweimal auf und ab gelaufen, dann habe ich angefangen, Menschen danach zu fragen. Keiner hatte davon gehört. Zu diesem Zeitpunkt war ich positiv überrascht, dass mich bis dahin noch keiner der am Strand in Wellblechhütten ansässigen Surflehrer angesprochen hat. Gerne würde ich einfach zu einem von ihnen gehen und dort nach Unterricht fragen. Doch wie stellt man fest, ob jemand der richtige Surflehrer für einen ist? 

Ich war aufgeschmissen und kam mir dumm vor. Mir kam die Idee, in einem der Beachclubs Menschen anzusprechen. Sicher war hier doch jemand anwesend, der gerade angefangen hat, das Surfen zu lernen. Doch ich wollte niemanden stören, der hier gerade sein Feierabendbier genas. Außerdem: Wie erkennt man eigentlich jemanden, der gerade mit dem Surfen begonnen hat? Nasse Haare waren mein erster Indikator. Klar, Surferboys gab es hier mehr als genug, aber ob die auch wirklich surfen? Und wenn ja: Sind das Anfänger? 

Ich ging noch dreimal den Strand auf und ab. Dann platzte mir der Kragen mit mir selbst. Es half nichts. Ich wollte einen Surflehrer finden, und zwar sofort. In dem Moment lief eine junge Frau mit nassen Haaren an mir vorbei. Sie hatte ein Handtuch unter dem Arm und war allein. Also los. 

Mona kommt aus Finnland und hat – haltet euch fest – an genau dem gestrigen Nachmittag ihre allererste Surfunterrichtseinheit absolviert. Sie strahlte. Und ich auch. Das war doch Schicksal, Fügung, Gottes Wille… Nennt es, wie ihr wollt, ich nenne es einfach Glück. Mona erzählte mir von ihrem Surflehrer. Aus einer der Hütten am Strand, empfohlen von einem Freund. Ich fragte sie, was meiner bescheidenen Meinung nach die beiden wichtigstes Kriterien für die Beurteilung waren: “Hattest du Spaß? Hast du dich sicher gefühlt?”. Beides hat sie bejaht, regelrecht von ihrem Lehrer geschwärmt, der ihr alles geduldig gezeigt hat und mir dann die entscheidende Frage gestellt: “Soll ich dir zeigen, wo das ist?”. Ja, bitte!!

Was habe ich aus dieser Erfahrung gelernt?

  • Es lohnt sich, über meinen Schatten zu springen.
  • Meine Mitmenschen sind freundlich und hilfsbereit.
  • Vertraue dem Moment. 
  • Eine “Surfstunde” dauert zwei Stunden und kostet überall am Pantai Canggu das Gleiche. 

Heute um 15 Uhr darf ich zu meiner ersten Unterrichtseinheit vorbeikommen. Ich werde euch berichten, wie es war. 🙂 

Ganz liebe Grüße von Bali,

Eure Christina

 

Bild von Free-Photos auf Pixabay

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