In den letzten Jahren habe ich stets sehr viel Zeit damit verbracht, mich zu fragen, was die Anderen wohl denken könnten. Aus Angst vor Ablehnung habe ich versucht, es meinen Mitmenschen recht zu machen und nicht anzuecken. Seit mir mein Verhalten und die Konsequenzen daraus zum ersten Mal bewusst geworden sind, arbeite ich daran, loszulassen. In dieser Woche hatte ich endlich ein Erfolgserlebnis. 

Diese Woche Mittwoch bin ich morgens mit der Straßenbahn zur Arbeit gefahren. Ich habe in einem Buch gelesen, als mir plötzlich eine Veränderung an mir selbst bewusst wurde. Aktuell lese ich “Wahre Liebe lässt frei!: Wie Frau und Mann zu sich selbst und zueinander finden” von Robert Betz. Während ich in der Bahn saß und las, bemerkte ich, wie ein Gedanke aufkam: “Was denkt wohl die Dame gegenüber von mir, wenn sie den Titel des Buches liest?”

Der Gedanke daran, was meine Mitmenschen über mich denken könnten, fällt in ein sehr altes Muster von mir. Mir ist er gut bekannt und ich weiß, dass ich ihn auf Erfahrungen in meiner Kindheit und Jugend zurückführen kann. Ohne im Einzelnen auf die traumatischen Erlebnisse einzugehen, beschreibe ich für euch einmal ganz kurz und plakativ, warum mich dieser Gedanke lange begleitet hat: Er dient dem Schutz. Ich habe gelernt, dass ich nur geliebt werde, wenn ich ein bestimmtes Verhalten zeige. Jede Abweichung führt zu Ablehnung und damit zu Schmerz. Das Ziel der Grübelei über die Gedanken meiner Mitmenschen ist es, solches Verhalten zu identifizieren und abzustellen. Jetzt wo ich das schreibe, wird mir klar, dass dieses Konstrukt für mich heute nicht mehr wahr ist. Lasst mich euch von dem kleinen Erfolg erzählen und dann von dem Weg dahin.

Als ich also in der Bahn saß, von meinem Buch aufsah und meine Mitfahrerin sah, dachte ich kurz daran, was sie denken könnte. Dann passierte etwas Schönes: Ich bemerkte diesen Gedanken bewusst. Ich hielt inne. Statt dem Gedanken nachzugehen, betrachtete ich ihn. Kurz musste ich über mich selbst schmunzeln. Dann ließ ich den Gedanken ziehen und widmete mich wieder meinem Buch. 

Das ist für mich ein unglaublicher Fortschritt. Früher habe ich in der Bahn einen Umschlag verwendet, damit niemand sieht, was ich lese, oder ich habe bestimmte Bücher gar nicht in der Öffentlichkeit gelesen. Solches Verhalten hat mich enorm eingeschränkt. Doch schlimmer noch, denke ich jetzt, dass ich damit mich selbst ein Stück weit verraten habe.

Dass ich heute lesen kann, was ich will, steht an dieser Stelle symbolisch für etwas Größeres: Ich habe es geschafft, ein Stück von meinen alten Gedankenmustern loszulassen. 

Wie habe ich das geschafft?

Seit mir das zuvor beschriebene Muster und deren Auswirkungen bewusst geworden sind, habe ich bemerkt, wie anstrengend es ist, sich ständig Gedanken darüber zu machen, was Andere wohl denken könnten. Das sind nur Mutmaßungen. Es gibt endlos viele Möglichkeiten und mir den Kopf darüber zu zerbrechen ist für mich nicht hilfreich. Letztendlich ist jede Schlussfolgerung von mir nur eine Vermutung und mein Verhalten auf so etwas anzupassen kommt mir jetzt, wenn ich bewusst darüber nachdenke, idiotisch vor. 

Früher habe ich viel gegrübelt. Ich habe versucht, mir einen Reim darauf zu machen, was meine Mitmenschen über mich denken könnten. Nur wenn ich eine positive Reaktion auf mein Verhalten erwartet habe, bin ich meinen Wünschen nachgegangen. Meistens jedoch habe ich mit dem Schlimmsten gerechnet. Lange Zeit habe ich so sehr versucht, es allen recht zu machen, dass ich meine eigenen Interessen und Neigungen teilweise vollständig versteckt habe. Ich habe von mir nur das gezeigt, wovon ich dachte, dass es der Meinung der breiten Masse entspricht. Dadurch habe ich verlernt, wer ich selbst bin, was mich interessiert und was mir Spaß macht. Das bereue ich heute, denn der Weg zurück ist mühsam. Erfolgserlebnisse, wie das in der Bahn diese Woche, sind für mich ein Ansporn, weiter daran zu arbeiten.

Dieser Blog war in der Hinsicht ein großer Schritt. Ich teile hier öffentlich meine Interessen, meine Ziele und Wünsche, meine Gedanken, meine Niederlagen und Erfolge. Es ist mir nicht egal, was ihr davon haltet. Doch ich male mir keine Szenarien mehr aus und entscheide darauf basierend, was ich hier teile. Ich schreibe, worüber ich möchte, und lasse weitgehend außer Acht, wie es bei euch ankommen könnte. 

Denn in den letzten Monaten, seit ich offen mit meinen Interessen und Gedanken umgehe, habe ich etwas gelernt: Wenn ich mich in all meinen Facetten zeige, gebe ich damit anderen die Chance, gemeinsame Interessen zu entdecken und auf mich zuzugehen. Soziale Interaktionen sind für mich wesentlich entspannter geworden, ich habe meine Beziehungen vertieft und neue geknüpft. Das erfüllt mich mit Freude und zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Heute ist mir klar, dass mein Bestreben es allen Anderen recht zu machen, völliger Schwachsinn war. Allein schon, weil das gar nicht möglich ist. Während ich früher allen gefallen wollte, habe ich heute kein Interesse mehr daran, Menschen in meinem Leben zu haben, mit denen ich nichts gemeinsam habe. Lieber zeige ich mich so, wie ich bin, und lerne dadurch Personen kennen, mit denen mich auch tatsächlich etwas verbindet. 

Diese Erkenntnis hat in den letzten Monaten auch dazu geführt, dass ich meine vorhandenen Beziehungen überdacht habe. Es gibt in meinem Umfeld einige Menschen, die mir zwar lieb sind, die ich für etwas bewundere oder mit denen ich eine Vergangenheit teile. Doch nicht zu allen fühle ich mich heute noch verbunden. Ich habe gemerkt, dass sie mich nicht mehr verstehen und mein Verhalten deshalb ablehnen. Wir haben nichts mehr gemeinsam. Für mich ist es wichtig, dies zu erkennen und loszulassen, statt mich um der alten Zeiten willen anzupassen. 

Wenn man sich wie ich von äußeren Ansprüchen frei machen will, hilft eines ungemein: Unsere Mitmenschen achten bei Weitem nicht so sehr auf uns, wie wir manchmal denken. Ich stelle mir zum Beispiel folgendes vor: Manchmal verbringe ich morgens viel Zeit damit, mir zu überlegen, was ich anziehen soll. Doch wenn ich jetzt einmal darüber nachdenke, was eine meiner Arbeitskolleginnen am Freitag getragen hat, kann ich mich nicht daran erinnern. Ähnlich sieht es mit vielen Aspekten unseres Lebens aus. Es ist für uns ganz natürlich, dass wir uns als Mittelpunkt wahrnehmen. Wir sind nun einmal der Hauptcharakter in dem Film unseres Lebens. Doch für unsere Mitmenschen ist das andersrum nicht so. Ich wette mit euch, die Dame in der Bahn hat mich nicht einmal wahrgenommen. Selbst wenn sie das getan und vielleicht sogar von dem Buchtitel auf mich irgendwelche Schlüsse gezogen hat, bin ich sicher, dass sie mich heute auf der Straße nicht wiedererkennen würde. Wozu sich also den Kopf zerbrechen?

Stattdessen konzentriere ich mich heute auf die wenigen Menschen in meinem Leben, die mir wirklich etwas bedeuten und zu denen ich mich verbunden fühle. Stellt euch vor: Sie mögen mich so, wie ich bin, und dank dieser Erkenntnis kann ich Stück für Stück meine Ängste und auch die alten Gedanken an mir vorbei ziehen lassen.

Ich wünsche euch ein schönes, befreites und selbstbestimmtes Wochenende und wie immer eine gute Reise.

Eure Christina

Bild von engin akyurt auf Pixabay

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